Theresa Schopper, Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern
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Gesprächsreihe Gesundheitspoltik

Fachgespräch: Kommunen im demografischen Wandel – Gesundheit und Pflege als Standortfaktor

Fachgespräch: Kommunen im demografischen Wandel – Gesundheit und Pflege als Standortfaktor

Am 3. Februar 2012 fand das Fachgespräch „Kommunen im demografischen Wandel – Gesundheit und Pflege als Standortfaktor” im Maximilianeum statt. Der demografische Wandel hat schon längst begonnen. Zwar gibt es regional große Unterschiede zwischen Boomregionen und Regionen mit Bevölkerungsschwund, aber selbst in den Boomregionen, in denen die Bevölkerungszahl zunehmen wird, wird sich die Altersstruktur erheblich nach oben verschieben. Mit dem Wandel der Altersstruktur verändern sich auch die Versorgungsbedarfe: Immer mehr Menschen bleiben immer länger gesund und werden älter – das bedeutet aber auch, dass es künftig immer mehr alte Menschen geben wird, die irgendwann Unterstützung brauchen.
 
Politisch müssen wir diese Veränderungen des demographischen Wandels gestalten. Besonders die Kommunen sind gefragt, Konzepte für viele Politikfelder zu entwickeln. Auf der Landesebene müssen jedoch die Rahmenbedingungen gelegt werden. Dafür setze ich mich schon lange als gesundheitspoltische Sprecherin ein. Um Wege aufzuzeigen, wie die Gesundheitsversorgung der Zukunft aussehen kann und welche Versorgungsstrukturen notwendig sind habe ich das Fachgespräch initiiert.

Wir Landtagsgrünen haben bei Prof. Koppers, Direktor des Instituts für Angewandte Geoinformatik und Raumanalysen e.V. (AGIRA) weiter, eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit Bedarfsentwicklung und Gestaltung der Gesundheits- und Pflegeversorgung in den Kommunen beschäftigt. In der wurden sechs Referenzregionen untersucht, ihre Entwicklungsperspektiven bewertet und konkrete Vorschläge gemacht für eine demographiefeste Gestaltung von Versorgungsstrukturen im Gesundheitssystem und in der Pflege auf kommunaler Ebene.

Im Fachgespräch gab Prof. Koppers einen guten Überblick über die gewonnen Ergebnisse der Studie: Es zeigt sich sehr deutlich, dass in der Gesundheits- und Pflegeversorgung in den nächsten Jahren mit erheblichen Veränderungen zu rechnen ist:  Der Bedarf an hausärztlichen Leistungen wird in den nächsten Jahren trotz sinkender Bevölkerung steigen. Ebenso wie der ambulante Pflegebedarf, der zwar konstant aber in unterschiedlicher Intensität ansteigen wird. Auch zeigt sich, dass in allen Untersuchungsregionen mehr Pflegende anteilig an der Gesamtbevölkerung gebraucht werden. Die Koordination der Versorgung und Leistungserbringer (Hausarzt, Facharzt, Krankenhaus und Pflege) rückt in den Mittelpunkt. Dabei verlieren die sektoralen Abgrenzungen an Bedeutung und regionale Gegebenheiten entscheiden über Ort und Struktur der Leistungserbringung. Eine bessere Verzahnung des ambulanten und stationären Bereichs wird daher unumgänglich.

Fachgespräch: Kommunen im demografischen Wandel – Gesundheit und Pflege als Standortfaktor In dem zweiten Impulsvortrag berichtete Prof. Ulrich Fischer-Hilpert vom Projekt TECLA. TECLA hat das Ziel, das Leben vor Ort zu erleichtern: mit einem Assistenzsystem zusammen mit barrierearmen Umbauten. Die Technologie soll dazu genutzt werden, den Verbleib in den eigenen vier Wänden möglichst lange zu verlängern. Bei den Hausassistenzsystemen geht es nicht nur um die Aufnahme und Weiterleitung von viralen Daten, wie Blutdruck, Herzschlag etc. sondern auch um das soziale Miteinander und Information. Beispielsweise wird die Kommunikation mit Angehörigen dadurch erleichtert, auch können Einkäufe darüber getätigt werden. Es war sehr interessant und spannend von den neusten Entwicklungen in diesem Bereich zu hören!

Nach den Impulsvorträgen entwickelte sich eine interessante Diskussion mit den BesucherInnen. Aus den gewonnen Ergebnissen lassen sich Haupthandlungsfelder für die Politik ableiten: Zum einen brauchen wir endlich ein Pflegemonitoring um Daten zum Pflegearbeitsmarkt, Beschäftigungsstand und zur zukünftigen Entwicklung zu generiert. Die Vorausberechnungen zeigen, dass in den Untersuchungsregionen mit einem deutlichen Anstieg des Bedarfs an Pflegeleistungen gerechnet werden muss. Der Pflegebedarf ist sogar höher als der Bedarf an Ärztinnen und Ärzten. Es wird von einem Plus von ca. 100.000 Pflegebedürftigen bis 2020 ausgegangen! Aufgrund der Analyse ist klar, dass die Pflegeberufe gestärkt und attraktiver gemacht werden müssen. Dafür gehört neben der Weiterentwicklung der pflegerischen Berufsbilder auch die Entwicklung von Konzepten für das Halten von Pflegekräften im Beruf. Das langfristige Ziel muss eine gemeinsame Ausbildung der gesamten Pflegeberufe sein, insgesamt muss der Pflegeberuf aufgewertet werden. Als kurzfristiges Ziel fordern die wir eine kostenfreie Altenpflegeausbildung.

Außerdem muss ein sektorübergreifender Versorgungsplan und eine vernetzte Versorgung angestoßen werden. Denn die Bedarfsplanung in der ambulanten ärztlichen Versorgung und die Krankenhausplanung der Länder sind nicht miteinander verbunden. Die Vernetzung von Krankenhäusern, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten und anderen Versorgungseinrichtungen wird dadurch erschwert. Die nichtärztlichen Gesundheitsberufe und –einrichtungen bleiben bisher völlig unberücksichtigt. Eins ist sicher: Die Versorgungsprobleme in den Regionen lassen sich nur mit einem übergreifenden Reformkonzept lösen. Es genügt nicht, durch finanzielle Anreize Ärzte zur Niederlassung in strukturschwachen Regionen zu bewegen. Es muss fundamental umgedacht werden:  Zusammenarbeit, Bündelung und Vernetzung von Ressourcen sind die Herausforderungen für eine nachhaltige Gestaltung von Gesundheitsversorgung und Pflege im ländlichen Raum.
Auch muss die Primärversorgung weiterentwickelt werden. Gute Primärversorgung geht weit über die Hausarztversorgung im engeren Sinne hinaus. Sie bezieht weitere Gesundheitsberufe ein. Bei den Hausärztinnen und Hausärzten zeichnet sich im Gegensatz zu anderen Arztgruppen tatsächlich in vielen Regionen ein Mangel ab. Daher ist es unumgänglich, dass zukünftig an allen bayerischen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin gegründet werden. Zudem stellt der Numerus Clausus als einziges Zulassungskriterium eine hohe Hürde da. Wir plädieren für das Durchführen von Auswahlgesprächen und Tests für medizinische Studiengänge (TMS), damit alle am Medizinberuf interessierten AbiturientInnen die Möglichkeit eines Zugangs zum Medizinstudium haben.

Ein weiteres Handlungsfeld ist der Ausbau der Nutzung von telemedizinischer Verfahren: Gerade in dünn besiedelten Regionen mit einer geringen Hausärzte-Abdeckung und im Hinblick auf die immer größere Anzahl pflegebedürftige Menschen sind telemedizinische Verfahren von großer Bedeutung. Dabei spielt die Umsetzung der AAL (Assistenzsysteme für ein autonomes Leben)-Konzepte, die ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen und die das Pflegepersonal entlasten, eine große Rolle. Es wird dadurch die Kommunikation und Vernetzung zwischen den Gesundheitsdienstleistern untereinander und mit den Patienten erleichtert. Diese Instrumente müssen nicht nur technologisch fortschrittlich, sondern auch anwendbar für die Nutzergruppen sein!

Ich freue mich, mit den gewonnen Erkenntnissen aus der Studie auf Tour in die einzelnen Regionen zu gehen und dort über die Herausforderungen und Chancen des demografischen Wandels zu diskutieren. Die Termine erfahren Sie rechtzeitig hier auf meiner Homepage. Auch bei der Messe 66 werde ich bei einer Podiumsdiskussion mit dabei sein.
Denn eins ist sicher: Der demografische Wandel ist schon längst da und es ist jetzt unsere Aufgabe ihn zu gestalten!

Mehr Informationen und Zahlenmaterial finden Sie auch hier  unter „03.02.2012 Gesundheitsversorgung der Zukunft” weiter

Präsentation der Studie zur Gesundheits- und Pflegeversorgung vor Ort im Zuge des demografischen Wandels. weiter

 

Prof. Koppers, Theresa Schopper, MdL, Prof. Ulrich Fischer-Hilpert

 
             
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