Theresa Schopper, Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen in Bayern
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Gesprächsreihe Gesundheitspoltik

Fachgespräch: Neuroenhancement – Hirndoping im Trend

Neuroenhancement – Hirndoping im Trend

Mein zwölftes Fachgespräch der Reihe „Gesundheitsversorgung der Zukunft“ weiter
28. Oktober 2011, Maximilianeum, Münchenfand am 20. April 2012 im Maximilianeum statt. „Neuroenhancement – Hirndoping im Trend“ war das Thema.
Doping kennt man bisher hauptsächlich vom Sport: Höher, schneller, weiter – das sind die Maxime beim Radfahren, Leichtathletik, Gewichtheben, usw. In unserer Gesellschaft gehört es mittlerweile zur Normalität, den eigenen Körper immer mehr zu „tunen“, um Schönheitsstereotypen zu genügen. Von Botox über plastische Chirurgie scheinen keine Grenzen mehr zu bestehen um nachzuhelfen. Doch es bleibt nicht bei der Optimierung der äußeren Erscheinung. Doping hat auch in unsere Arbeitswelt und in den Schulalltag von Kindern Einzug gehalten.
Leistungssteigerung im Berufsleben, bessere Konzentrationsfähigkeit der Kinder: Das klingt erst einmal recht harmlos. Der lange Schatten dieses Trends hat uns noch nicht erreicht. Das Streben nach optimierter Leistungsfähigkeit betrifft mittlerweile viele Lebensbereiche, der Begriff des Hirndopings macht die Runde. Hirndoping beschreibt, den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns sowie die emotionale und soziale Kompetenz durch die Einnahme von bestimmten Medikamenten über das normale, nicht krankhaft veränderte Maß hinaus, zu verbessern.
Einige Zahlen zur Einordnung: Laut Daten der Techniker Krankenkasse wird in Bayern deutlich häufiger Methylphenidat (z.B. Ritalin) für verhaltensauffällige Kinder verschrieben als in anderen Bundesländern. Knapp 50.000 bayerische Kinder nehmen regelmäßig diese Medikamente ein. Versuchen wir hier gesellschaftliche Probleme und Anforderungen aus dem Bildungssystem chemisch zu lösen?
Die Gesellschaft verändert sich – und damit auch die Arbeitswelt. War vor 50 Jahren der Mensch in der Arbeitswelt vor allem körperliche Belastungen ausgesetzt, so ist heute die Losung örtliche und zeitliche Flexibilität, kontinuierliche Verfügbarkeit und Kreativität und das alles bei emotionaler Ausgeglichenheit und hoher sozialer Kompetenz. Der Druck steigt auf die Menschen und der Wunsch die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern verselbstständigt sich.
Doch geht das überhaupt? Gibt es Medikamente die die Leistungsfähigkeit von gesunden Menschen auf Dauer steigern? Wollen wir das als Gesellschaft? Ist das ethisch vertretbar? Wie sieht die heutige Praxis aus? All diese Fragen wurden in dem Fachgespräch aufgeworfen.

Auswirkungen von Hirndoping

Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des IGES Institut Der erste fachliche Input kam von Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des IGES Institut. 2009 hat das IGES Institut weiter für den DAK-Gesundheitsreport Spielarten und Auswirkungen von Hirndoping untersucht. Zu Beginn gab Herr Nolting einen kurzen Überblick, was es für Neuroenhancement Substanzen gibt. Sowohl bei Anti-Depressiva wie auch bei Methylphenidat – das ist der Wirkstoff in Ritalin – haben Studien gezeigt, dass es keine positiven Auswirkungen für gesunde Menschen gibt. Der Wirkstoff Methylphenidat, der für die Steigerung von Wachheit und Konzentrationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Entscheidungsfähigkeit, sorgt, hat bei gesunden Menschen keine Effekte auf Aufmerksamkeit, allenfalls schwache Effekte auf Gedächtnisleistung.
Besonders interessant waren die Aussagen der Befragung vom IGES-Institut (Befragung: 3.000 Beschäftigte zwischen 20 und 50 Jahren): 21% der Befragten haben bereits Erfahrung mit Neuroenhancements (dazu gehören aber auch homöopatische Substanzen wie z.B. Bachblüten) gemacht und 20% halten die Risiken im Vergleich zum Nutzen vertretbar. Gut 1% der Befragten dopt regelmäßig und beschafft sich die Präparate nicht formal über einen Arzt- oder Ärztinnenbesuch.
Beim Thema Doping am Arbeitsplatz sagte die Studie folgendes: 1-2% der Menschen dopt dort, die Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung ist damit nicht sehr weit verbreitet. Jedoch hält jedeR 5. ArbeitnehmerIn die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Erfordernis für vertretbar, um mehr Leistung im Job zu bringen.

Neuste Zahlen zum Thema ADHS

Klaus Gollwitzer, vom Berufsverband Kinder- und Jugendpsychiatrie Der zweite fachliche Input gab Klaus Gollwitzer, vom Berufsverband Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er berichtete von den neuesten Zahlen beim Thema Diagnose Aufmerksamkeitsstörung von Schulkindern. 3-5% sind betroffen, ein großer Teil der betroffenen Kinder weist auch im Erwachsenenalter noch wesentliche Beeinträchtigung auf. ADHS wird in Deutschland genauso häufig diagnostiziert wie in den Nachbarländern. Jedoch steigt die Verschreibung von Ritalin immer mehr an. Kinder, die den Unterricht „stören“ werden früher behandelt. Der Leidensdruck der Kinder, die in der Schule nicht mehr umsetzen können, was gefordert ist, wirkt in das Elternhaus hinein. Für Herrn Gollwitzer war es wichtig zu betonen, dass es sich bei ADHS nicht um eine reaktive Fehlanpassung eines Menschen an pathogene äußere oder kulturelle Bedingungen handelt, sondern um eine biologisch fundierte Beeinträchtigung exekutiver Funktionen.

Bei den Schulberatungsstellen steigt der Beratungsbedarf für verhaltensauffällige Kinder

Dr. Helmut Volk von der Schulberatungsstelle OBB West Der letzte gesetzte Redebeitrag kam von Dr. Helmut Volk von der Schulberatungsstelle OBB West. Er gab einen Bericht aus der Praxis: Bei den Schulberatungsstellen steigt der Beratungsbedarf für verhaltensauffällige Kinder. Immer öfter spielt die Einnahme von Substanzen eine Rolle, auch bei gesunden Kindern und Jugendlichen. Immer mehr Eltern achten auf externe Angebote zur Leistungssteigerung. Dazu gehört neben individueller Förderung für das Kind, wie beispielsweise regelmäßige Nachhilfe, auch die Einnahme von homöopatischen Mitteln mittlerweile zum Standard.

Anschließend entwickelte sich eine fachliche Diskussion mit den viele BesucherInnen des Fachgesprächs. Besonders die Themen Risikobewertung von Ritalin, sprich was sind die Nebenwirkungen und langfristigen Folgen, wurden angesprochen. Als kritisch wurde gesehen, dass die Verordnungszahlen von Ritalin bei nahezu gleichbleibender PatientInnenzahl ständig ansteigen. Daraus entwickelte sich eine Debatte über die Ausgestaltung der Schule von Morgen. Sehr wichtig ist mir bei dem Thema immer, dass die Kinder Unterstützung bekommen, die von ihren Eltern daheim diese nicht bekommen (können). Ein guter Hinweis kam aus dem Publikum, dass man bei der ganzen Debatte die LehrerInnen nicht außen vor lassen soll, sondern darüber nachdenken muss, wie man diese mehr unterstützt. Die Debatte zeigte, dass das Schulsystem dringend reformiert werden muss, um den Druck von den Kindern zu nehmen.
Mehr zu dem Thema Schule, Bildung etc. finden Sie auf der Home Page von Bündnis 90 / Die Grünen weiter

Fazit des Fachgesprächs

Ziehe ich ein Fazit von dem Fachgespräch so ist für mich folgendes von Wichtigkeit, mit dem ich politisch weiterarbeiten möchte: Bisher gibt es wenige Fälle von Hirndoping, jedoch eine große Bereitschaft der Menschen Neuroenhancement zu nehmen (21% laut IGES-Studie). Damit wird sich der Illusion einer mühelosen Verbesserung von intellektueller Leistungsfähigkeit hingegeben. Jedoch hat das Fachgespräch gezeigt, dass die Neuroenhancement-Substanzen noch nicht in dem Grad bei gesunden Menschen wirken, wie oft gedacht. Die Weiterentwicklung der Medikamente wird aber voranschreiten, deswegen muss die politische Debatte beginnen: Was sind die Risiken, wenn das „Normale“ pathologisiert wird? Gibt es eventuell sogar Chancen? Die ethische Debatte um das Thema „Hirndoping“ – nicht nur in den Schulen, sondern auch im Arbeitsleben – muss geführt werden. Unser Fachgespräch war dafür ein erster Aufschlag!

 

 

 
             
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